Intensivpflege, 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr

 

Meine Frau Anja und ich sorgen zusammen mit hervorragenden Intensiv-Pflegekräften und Therapeuten sowie durch die Unterstützung erstklassiger Kinderärzte dafür, dass es unserer seit Geburt schwerstmehrfach behinderten Tochter Deike zuhause so gut geht, wie irgend möglich. Trotz ihres schweren Schicksals ist Deike ein fröhliches Mädchen, sie kommuniziert mit ihren Augen und mit ihren Armen.

 

Deike erlitt im Sommer 2001 einen Geburtsstillstand, sie bekam während ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff. Die Folge: Ein Hypoxischer Hirnschaden. Dieser Hirnschaden ist der Grund für ihren heutigen Gesundheitszustand. Deike ist auf zahlreiche Hilfsmittel, wie Beatmung, Absaugung und Monitor angewiesen. Sie kann nicht sprechen, nicht sitzen, sie wird über eine Sonde ernährt. Deike hat täglich epileptische Anfälle, hat einen zentralen Venenzugang, einen sog. Port, über den Medikamente im Notfall gegeben werden können.

 

Wenn der Pflegedienst plötzlich kündigt

 

Viele Jahre wurde unsere beatmete, schwerstkranke Tochter Deike von Intensiv-Pflegediensten hier bei uns zuhause versorgt. Aber unser damaliger Pflegedienst war aufgrund der seit acht Jahren unverändert gebliebenen niedrigen Stundensätze, die die gesetzliche Krankenkasse nicht angleichen wollte, nicht mehr dazu in der Lage, weggegangenes Fachpersonal zu ersetzen. Kündigte ein Mitarbeiter, weil er woanders besser verdienen konnte, ist es diesem Pflegedienst schließlich unmöglich gewesen, die entstandenen Personal-Lücken zu den überholten Kassen-Konditionen zu ersetzen. 

 

Weil Fachpersonal fehlte, fielen bei Deike immer mehr Schichten aus, zunehmend auch komplette Tage und Nächte. Weil der Pflegedienst kein hochqualifiziertes Personal mit so einer Billigpreis-Strategie der gesetzlichen Krankenkasse ersetzen konnte, kündigte uns dieses Unternehmen.

 

Wenn die Krankenkasse keinen Pflegedienst mehr findet

 

Wir baten die Kasse darum, uns einen Nachfolge-Pflegedienst zu benennen, der die entstandenen Lücken vor dem Kündigungszeitpunkt ausfüllt und die Versorgung schließlich komplett übernimmt. Die Krankenkasse hat aber keinen Pflegedienst, der Deike hätte nahtlos pflegen können benannt. Stattdessen versuchte die Kasse für Deike in einem Altenheim einen noch billigeren Platz zu finden. Geht es wirklich immer nur ums Geld? Was ist mit der ausreichenden Versorgung? Aus unserer Sicht ist ein Altersheim keine Alternative für ein Kind, das im sozialen Umfeld seiner Familie aufwachsen soll. Mit dieser "Lösung" waren wir also nicht einverstanden.

 

Wir haben uns damals selber auf die Suche gemacht nach einem Intensiv-Pflegedienst, der unsere Tochter im häuslichen Bereich weiterversorgen kann. Nach unendlich vielen Absagen haben wir einen Anbieter in Niedersachsen gefunden, der die Intensivpflege hätte im verordneten Rahmen sofort übernehmen können. Das Besondere bei der Häuslichen Insensiv-Pflege: Es gibt keine einheitlichen Vergütungen, Stundensätze werden in aller Regel individuell zwischen Kostenträger und Leistungserbringer ausgehandelt. Ein Vergütungs-Vertrag über die Versorgung von Deike, zwischen der Kasse und dem neuen Pflegedienst, kam aber nicht zu Stande. Vergütungsverhandlungen mit dem von uns gefundenen Pflegedienst wurden durch die Kasse einfach gar nicht erst aufgenommen. Das Argument der Kasse: Die Vergütung sei zweitrangig, denn dieser Pflegedienst als grundsätzlicher Vertragspartner der Kasse müsse auch ohne Vergütungsvereinbarung die Versorgung übernehmen, wenn er dazu in der Lage ist. Aber ohne zu wissen, ob die Bezahlung durch den Kostenträger bei dieser Versorgung überhaupt kostendeckend sein wird, wollte und konnte der das Pflegeunternehmen nicht tätig werden.

 

Uns blieb zur Sicherstellung der ärztlich verordneten Behandlungspflege nichts anderes übrig, als den neuen Pflegedienst für die Ausfalltage des alten Pflegedienstes selber zu beauftragen. Jetzt greift normalerweise das Kostenerstattungsprinzip (§ 13 Abs. 2 SGB V) im Gegensatz zum Sachleistungsprinzip. Jedenfalls glaubten meine Frau und ich an das Gesetz.

 

Im Stich gelassen vom Gesundheitssystem

 

Als wir über die Praktiken der Krankenkasse in der Öffentlichkeit berichteten (ARD, ZDF und diverse Zeitungen), hat der Verband der Ersatzkassen (VdEK) auf Bestreben der BARMER ein Verwaltungsverfahren zum Entzug der Zulassung gegen den einzigen Pflegedienst eingeleitet, der Deike hätte versorgen können, weil dieser Pflegedienst  uns eine Rechnung stellte, für eine Leistung, die wir selber beauftragt hatten. Die Begründung: Dazu sei der Pflegedienst als grundsächlicher "Vertragspartner" der Kasse nicht berechtigt.

 

Durch diese Maßnahme auf Veranlassung der gesetzlichen Krankenkasse drohte die letzte häusliche Versorgungsmöglichkeit unterbunden zu werden, die es für Deike zu diesem Zeitpunkt noch gab.

 

Der neue Pflegedienst konnte aus diesem Grund an weiteren Ausfalltagen des alten Pflegedienstes nicht mehr einspringen, weil er sonst seine Existenz und die Versorgung vieler anderer Patienten aufs Spiel gesetzt hätte. Deike blieb durch das Verhalten der gesetzlichen Krankenkasse mehrere Tage und Nächte ohne professionelle intensivpflegerische Versorgung. Meine Frau und ich sprangen täglich für 24 Stunden ein, neben unseren beruflichen und familiären Verpflichtungen.

 

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung wurde aktiv

 

Als Vater habe ich am 19. Juni 2015 den Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU) getroffen und von dem Fall unserer Tochter Deike berichtet. Der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit war entsetzt und versicherte mir, dass das Vorgehen der Kasse im Fall Deike nicht von der Bundesregierung und nicht vom Gesetzgeber beabsichtigt sei. So etwas müsse verhindert werden. Der Beauftragte der Bundesregierung versprach mir, dass er sich persönlich und umgehend für die Sicherstellung der Versorgung meiner Tochter einsetzen werde. Es könne nicht angehen dass ein schwerstkrankes Kind keinen Intensiv-Pflegedienst mehr bekommt. Die Krankenkasse müsse ihren gesetzlichen Sicherstellungs-Auftrag erfüllen, so Karl-Josef Laumann damals.

 

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung intervenierte am Morgen des 25. Juni 2015 beim Vorstandsvorsitzenden unserer Krankenkasse, der wiederum noch am selben Vormittag die Fachabteilung in Kiel kontaktierte. Am Mittag des selben Tages ruderte die Kasse zurück, wir erhielten die telefonische Nachricht aus dem Büro des Patientenbeauftragten sowie von der Landesvertretung der Krankenkasse in Kiel, dass der VdeK das Verfahren einstellen werde und man sich mit dem neuen Pflegedienst einigen werde, damit Deike ab 1. Juli im häuslichen Bereich weiterversorgt werden kann.

 

Das Verfahren vor dem VdeK gegen den neuen Pflegedienst wurde daraufhin sofort eingestellt. Die durch uns beauftragten Einsätze des neuen Pflegedienstes, den Mai betreffend, konnten plötzlich durch die Kasse zum erhöhten Stundensatz voll bezahlt werden. Erst sieben Wochen nach Abgabe des Angebots durch den Pflegedienst, erfolgte eine Kostenübernahmeerklärung der Kasse. Deike war daraufhin vom Sommer 2015 bis zum Ende 2016 im häuslichen Bereich durch den neuen Pflegedienst versorgt.

 

Systemversagen der gesetzlichen Krankenversicherung

 

Leider hat die Kasse entgegen ihrer Zusage auch Ende 2016 mit dem Pflegedienst nicht über eine höhere Vergütung für 2017 verhandelt, weswegen auch dieser Pflegedienst seine Versorgung bei Deike einstellte und zum Januar 2017 kündigte. Wieder drohte aufgrund der Billigpreis-Strategie der Kasse, Deike unversorgt zu bleiben.

 

Zahlreiche Anfragen durch uns bei anderen Pflegediensten nach einer nahtlosen Anschlussversorgung führten nicht zum Erfolg. Die Krankenkasse von Deike kam ihrem gesetzlichen Sicherstellungsauftrag zum wiederholten Male nicht nach, sie konnte die unaufschiebbare Leistung der notwendigen und ärztlich verordneten Häuslichen Behandlungspflege ab Januar 2017 nicht mehr erbringen.

 

Die Lösung für Deikes Versorgung: Selbstbeschaffte Hilfe

 

Weil das System der gesetzlichen Krankenversicherung an dieser Stelle versagte, beschaffen wir als Eltern von Deike seit Januar 2017 die Leistung der häuslichen Behandlungspflege für unsere Tochter selbst, diesmal aber nicht durch die Beauftragung eines durch die Kasse zugelassenen Pflegedienstes - sonst hätte die BARMER vermutlich wieder ein Verwaltungsverfahren durch den VdEK angestrebt.

 

Im Einvernehmen mit der Kasse ist etwa die Hälfte der Pflegekräfte ganz ohne Pflegedienst unbefristet direkt bei uns angestellt, und im Gegensatz zu vorher, heute zu angemessenen Konditionen und die andere Hälfte arbeitet frei im Team Deike. Die Kosten werden gemäß § 13, Abs. 3, SGB V in der entstandenen Höhe erstattet. Das funktioniert seit Januar 2017 Monat für Monat zur Zufriedenheit aller Mitarbeiter hervorragend. Gerne würden wir unser Team noch um eine feste Pflegefachkraft ergänzen. Melden Sie sich gerne bei uns. 

 

job@deike.info

Druckversion Druckversion | Sitemap
Verantwortlich: Tilman Holweg, Stand: 30.09.2017. Für den Inhalt von gelinkten Seiten ist Tilman Holweg nicht verantwortlich.